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Theater · Literatur

Christian Thielemann dirigiert Wagner in Salzburg

Christian Thielemann dirigiert Wagner in Salzburg

31. Oktober 2021  ·  Santiago Lösslein Pulido

Etwas kurios ist es schon, wenn man gespannt im Großen Festspielhaus in Salzburg sitzt und einen begrüßt die warme Stimme mit leicht steirischem Einschlag von Nikolaus Bachler, welcher die Besucherinnen und Besucher an die erst einmal wohl dauerhaft geltenden Corona-Schutzmaßnahmen und an das Ausschalten jeglicher elektronischer Geräte erinnert. Bei diesem Publikum ist wohl beides nicht fehl am Platz: Sowohl ältere Herrschaften aller Couleur, welche, den Sprachfetzen zu entnehmen, sich die Mühe gemacht haben, aus ganz Europa an die Salzach zu pilgern, als auch jüngere Gäste nicken sich pflichtbewusst zu und kontrollieren noch einmal das Mobilfunkgerät. Begleitet wird die Ansage von dem warmen Brummen der Kontrabässe und dem seidigen Spiel einer Harfenistin, welche beide bis zum allerletzten Moment vor Vorstellungsbeginn innig proben, auf dass auch jeder feine Übergang sitzen möge. Der so wunderbar und wohl nur im Festspielhaus so perlende Applaus setzt ein, sobald die ersten Musiker die Bühne betreten und ebbt schnell ab, während der Saal angespannt den Großmeister des Abends erwartet. Beim Betreten erhebt sich frenetisch die Euphonie an Applaus und Bravoausrufen, welche den Abend umrahmen soll. Christian Thielemann wird, bevor überhaupt der erste Ton erklungen ist, übergossen mit akustischen Salbungen. Natürlich ist dies, auch wenn die coronabedingt verschobenen Osterfestspiele im Herbst stattfinden und er unter der neuen Leitung keinen allzu sicheren Stand hat, ein Heimspiel für ihn. Man kennt sich schließlich, da nicht nur er und Wagner eine schon fast religiöse Beziehung teilen, sondern auch sein Publikum mit ihm. Doch lässt sich vor allem in diesen Formaten, kleineren Festspielen mit reduzierten Programmen, solch eine qualitative Dichte an Sängerinnen und Sängern vereinen wie an diesem Abend.

Mit Beginn des Vorspiels der „Walküre“ lässt sich erahnen, welche Idee Thielemann vorschwebt: Die Violinen sind ungewohnt dynamisch und hetzen in den aufeinander folgenden Crescendi, die Celli und Kontrabässe bleiben jedoch gezügelt und geben dem abklingenden Sturm dadurch die nötige Schwere. Einige Kollegen Thielemanns neigen an dieser Stelle dazu, die tiefen Streicher zu treiben, wodurch aber der Spannungsbogen des Vorspiels unklar wird. Wagners eigens konzipierte Horntuben schneiden jäh durch den ausgerollten Klangteppich, sodass das musikalisch Skizzierte und aus dem letzten Bild des „Rheingolds“ entliehene Donnermotiv wie selten sonst dem Zuhörer ins Mark fährt. Der Auftakt gelingt unter der straffen und immer wachsamen Hand Thielemanns und setzt Siegmund nicht nur als vom Kampf gehetzten Krieger in Szene, sondern vor allem auch als einen abgeschlagenen Flüchtenden, der hadernd mit dem eigenen Schicksal ziellos umherirrt. Diese mühelose Eleganz zieht sich durch den ersten Aufzug der „Walküre“: Immer ist der Dirigent bei den Musikern, die ihm auf den Atemzug folgen, überlässt das Wenigste dem Zufall und nutzt die Partitur nur zur gelegentlichen Überprüfung seines souveränen Handelns. Die Motive der Wälsungenzwillinge, herausragend gespielt vom ersten Konzertmeister der Violoncelli Norbert Anger, werden vom Solisten fein ausgeleuchtet. Die Übergänge sind sanft ausgestaltet und nie harsch, sondern wohltemperiert. Die Bläser spielen so uniform, dass sich eine geradezu sakrale Qualität herausbildet. Durchgehend beschleicht einen das Gefühl, als würde es Thielemann wahrlich gelingen, die Dresdner zu der Wunderharfe zu machen, welche Wagner in ihnen gesehen hat. Den Sängern legt er durch konzentrierte Interaktion die Silben förmlich in den Mund. Auf der sonst so großen Bühne des Festspielhauses, die auf Klangmassen ausgelegt ist, entwickelt sich ein intimes Wechselspiel zwischen den Sphären, das kaum Wünsche offenlässt.

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