Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) war nie out, auch wenn es nach seinem Tod deutlich ruhiger zuging. Gesammelte Werke bei Diogenes zu Lebzeiten, Büchner-Preis zuerkannt, Nobelpreis nicht bekommen, Nachlass-Publikationen eher unspektakulär. Dieses Jahr hingegen hätte es zum 100. Geburtstag ab 5. Januar wieder richtig abgehen sollen, doch hat das Theater pandemiebedingt nicht viel davon gehabt. Während Buchpublikationen zuhauf erschienen und Ausstellungen und Tagungen stattfinden konnten, mussten Dramenproduktionen und Lesungen abgesagt oder aufgeschoben werden.
Obwohl er in seinen letzten Lebensjahren als bedeutender Prosaautor und Essayist, Polemiker und Schweizkritiker wahrnehmbar wurde, war Dürrenmatt in erster Linie Dramatiker und Theatermann. Mit unglaublicher Karriere, die auf ein Stück zurückgeht. Gemeint ist natürlich die bis heute weltweit aufgeführte und adaptierte dreiaktige „tragische Komödie“ Der Besuch der alten Dame. Wovon es neben Verfilmungen sogar eine von Dürrenmatt geschriebene Opernfassung gibt (Musik Gottfried von Einem, Uraufführung 1971 Wiener Staatsoper), zudem Musicals etc.
In Stalden (heute Konolfingen) im Emmental geboren und großgeworden, besuchte Dürrenmatt das Berner Gymnasium am Waisenhausplatz, studierte an der Universität Philosophie (u.a. bei Richard Herbertz, Walter Benjamins Doktorvater). Seit 1952 lebte er in Neuchâtel, keine 50 Kilometer entfernt. Auf sein Heimatdorf war er nie gut zu sprechen. Filmaufnahmen zeigen, wie Dürrenmatt am Konolfinger Bahnhof ankommt und über seine Kindheit als Pastorensohn spricht, von den Schikanen der Dorfjugend. Seine Selbstilisierung als Autor der Alten Dame, „der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde“, umfasst neben den Güllenern ebensogut die Rückkehr und Rachephantasien der Titelfigur. Selbst Güllen, irgendwo zwischen Bern und Neuchâtel gelegen, ist als gängiger Vergleich seit der Uraufführung 1956 am Zürcher Schauspielhaus in Gebrauch und verständlich geblieben.
Für das Atelier-Theater Bern, heutiges Theater an der Effingerstrasse, reduzierte Dürrenmatt selbst 1959 die Personenanzahl, straffte den Text, schrieb für seine einzige Eigenregie dieses Stückes aber auch eine seither als kanonisch geltende Szene in Ills Laden um. Die bislang fünfte Inszenierung am Atelier-/Effinger-Theater Bern lief vom 30. Oktober bis 27. November. Regie führte Alexander Kratzer. Dieser verdichtete das Stück auf Melanie Herbe als Claire Zachanassian und Hannes Perkmann als Alfred Ill. Sekundiert von den Puppenspielern Katharina Halus und Tobias Krüger, die etliche Schauspielrollen übernehmen und von Katia Bottegal gefertigte Handpuppen, Kopfmasken und mit Handzügen bedienbare Gesichtscollagen für weitere Rollen animieren. Starke Änderungen, wobei viele Personen erhalten bleiben, jedoch nicht selbst auf der Bühne spielen.
Es ist reizvoll, dass der Klassiker zu seiner Entstehungszeit mittlerweile Zeitabstände aufweist wie seine Titelfigur zu ihrer Biographie: Kläri Wäscher verlässt Güllen 1910 siebzehn/achtzehnjährig, um 45 Jahre später als Claire Zachanassian, reichste Frau der Welt, triumphierend zurückzukehren. Triumphal ist auch die Wiederkehr des Stücks in Bern, begegnet man ihm 2021 wieder: Vieles ist gut gealtert, auch wenn man es (einschließlich der Fernsehspiele, Kinoverfilmungen oder Theateraufzeichnungen) wiederholt gesehen und gelesen hat.