Gstaad und Saanen rufen unterschiedlichste Assoziationen auf: Für die eine sind das typisch schweizerische Orte, wohin sich der internationale Jetset einfliegen lässt, um sich beim Bergwandern, Skifahren oder Sonnenbaden einem naturverbundenen Leben näher zu wähnen, im millionenteuren Chalet oder gleich im Gstaad Palace-Hotel, zwischen Neuschwanstein und Disneys Dornröschenschloss gut situiert; für den andern Kunstorte und magische Gegenwelten, markiert durch Sprach- und Kulturgrenzen, Bergketten und das Saanetal, wo sich Gegensätze ausbalancieren, Unwahrscheinliches möglich und Kompliziertes ganz einfach wird. In Eurotrash (2021) hat Christian Kracht mit seinem Geburtsort und Herkunftskomplex literarisch abgerechnet („Gstaad habe sich wohl sehr verändert […], und ich antwortete, wir seien hier in Saanen, gleich neben Gstaad, denn in Gstaad könne man nicht mehr wohnen, da es dort inzwischen zu viele Prada-Boutiquen habe“), um zugleich dem nostalgischen Zauber dieser entrückten Bergwelt nicht ohne ironische Brechungen zu huldigen: „Mir wurde ganz flau vor Melancholie und verlorener Kindheit und dergleichen.“
Zur Sommerprominenz mit eigenem Chalet zählte auch Yehudi Menuhin, auf den das 1957 gegründete Festival zurückgeht, das bald seinen Namen trug. Anfangs trat er mit befreundeten Sommerfrischlern wie Benjamin Britten, Peter Pears und dem Cellisten Maurice Gendron auf, die sich alle etwas Ferienabwechslung gönnten, später kamen mehr und immer mehr bekannte Musiker ins Berner Oberland, die Formationen vergrößerten und die Konzerte vervielfachten sich. Das reicht als Gründungsmythos eigentlich aus, doch ist das Gstaad Menuhin Festival mittlerweile zweitgrößtes Klassikfestival der Schweiz (nach Luzern) und vielleicht das bedeutendste. Es hat sich, Menuhin starb 1999, Besonderheiten bewahrt, die als Erbe und Verpflichtung verstanden werden: einen Fokus auf Streichmusik, besonders Violine, zudem Kammerbesetzungen; kleine und intime Spielstätten wie Kirchen und sogar Kapellen, wobei St. Mauritius in Saanen eine besondere Rolle zukommt; die Nahbarkeit großer Stars – wie diesjährig Julia Fischer, Sol Gabetta, Daniel Hope, Nigel Kennedy oder Patricia Kopatchinskaja –, die mitunter in Meisterkursen die Traditionen des Gründers fortführen; eine Mischung hochkanonischer und vergessener Werke, mit dem künstlerischen Leiter Christoph Müller auch verstärkt neue und zeitgenössische Musik, in dieser Saison als Auftragskomposition für Streichorchester etwa „Shanty – Over the Sea“ des englischen Komponisten Thomas Adès.
Das Gstaad Menuhin Festival kommt in seiner 65. Auflage auf 64 Konzerte und dauert vom 16. Juli bis 4. September. 2019 wurden noch über 25000 Zuhörer gezählt, 2020 musste es abgesagt werden bzw. ohne örtliches Publikum als „Pop-up-Festival“ stattfinden. Zum Beethovenjahr wurden neun Konzerte aufgeführt und im Livestream übertragen. Seit längerem gibt es Programmschwerpunkte wie „Wasser“, „Pomp“, „Paris“ oder nun „London“, von Beginn an symphonische Konzerte im eigenen Zelt, sogar konzertante Opern. Das Festival gibt sich offen und niederschwellig zugänglich: Die Teilnehmer der drei Musikakademien (Gstaad Baroque, String, Piano Academy) treten bei freiem Eintritt öffentlich auf, Jugendliche aus den umliegenden Gemeinden erhalten Gratiskarten, Einwohner Ermäßigungen, es gibt Kinder- und Jugendprojekte, alles ist – auch mit Shuttleverbindungen zwischen den Spielstätten – in die Ferienregion Saanenland eingepasst und zum wichtigen Tourismusfaktor geworden. Zugleich hat man sich gegen die erzwungene Digitalisierung nicht gesperrt, sondern sie auf gstaaddigitalfestival.ch vorangetrieben. So wurden das diesjährige Eröffnungskonzert und weitere Aufführungen per Livestream übertragen. Doch wie steht es nach der Festivalpause um die Musik?
Vorzüglich, wie das Eröffnungskonzert zeigte, das eine Vielzahl der Charakteristika, die das Menuhin-Festival einzigartig machen, bündelte. Dieser Traditionsanschluss verdankte sich nicht zuletzt Daniel Hope, den mit dem Festival und seinem Gründer viel verbindet: „Yehudi Menuhin is the reason I became a violinist.“ Hopes Familie wurde nach ihrer Emigration aus Südafrika von Menuhin unterstützt, Mutter Eleanor war über 26 Jahre dessen persönliche Sekretärin, Assistentin und sogar Agentin und leitete schließlich auch das Festival. Entsprechend war Hope schon früh jeden Sommer in der Schweiz und bei Proben und Konzerten zugegen, bald auch auf dem Podest. Er wurde eines der vielen musikalischen Ziehkinder des Jahrhundertgeigers. 2016 veröffentlichte Hope zum 100. Geburtstag seines Mentors mit dem Kammerorchester Basel die reichbebilderte Einspielung My Tribute to Yehudi Menuhin. Auf dem Cover ist er mit dem „musikalischen Großvater“ in dessen Garten vor dem Saaner Bergpanorama zu sehen (die Produktion wurde als Selbstbeweihräucherung kritisiert, zeichnet sich aber durch große stilistische Vielfalt aus, nicht nur die erwartbaren Mendelssohn- oder Vivaldi-Konzerte finden sich exzellent eingespielt, auch Stücke von Enescu, Henze oder Steve Reich).