Als Geheimtipp kann Joana Mallwitz kaum mehr gelten, eher ist die designierte Chefdirigentin des Berliner Konzerthausorchesters, die diesen Herbst die Nachfolge Christoph Eschenbachs antreten soll, mittlerweile zur Großdirigentin (oder „Großdirigent*in“) aufgerückt. Zugleich ist das Thema weiblicher Dirigate aktueller denn je, sogar Hollywood läuft ihm hinterher: Tod Fields Tár mit Cate Blanchett in der Titelrolle, der auf der Berlinale Deutschlandpremiere hatte und aktuell in den Kinos läuft, bringt es auf sechs Oscar-Nominierungen, verschiebt das Thema freilich in die Bereiche Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffigkeit und Cancel Culture, wenngleich auch dort die Aufführung einer Mahler-Symphonie im Mittelpunkt steht.
Mallwitz’ erster Besuch beim Berner Symphonieorchester lässt solche Überlegungen freilich souverän hinter sich; sie demonstriert bei einer öffentlichen Probe am 7. März sowie zwei Aufführungen am 9. und 10. März von Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 und Mahlers Vierter Symphonie in G-Dur die gleiche sportliche Leichtigkeit und konzentrierte Sicherheit, mit der sie schon länger besticht; auch international. Das Zusammenspiel gelingt mit einer Professionalität und Selbstverständlichkeit, die mit dem kleinen, wenngleich gut aufgestellten und bestens aufeinander eingespielten Berner Klangkörper Potenziale realisiert, die teilweise unerwartet, teilweise spektakulär, jedoch durchgehend überzeugend ausfallen.
Dabei beginnt alles mit Veränderungen und dem Zwang zur Improvisation: Nikolaj Szeps-Znaider, für den Part der Solovioline vorgesehen, muss kurzfristig durch Josef Špaček ersetzt werden; der, das kann gleich vorangeschickt werden, seiner Aufgabe bravourös nachkommt. Der tschechische Geiger erweckt nie den Eindruck, bloß ein Einspringer zu sein. Die Vierte Mahler-Symphonie weist wie die vorangehenden „Wunderhorn-Symphonien“ Bezüge zur Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens von Brentano auf. Zudem musikalische zu Mahlers gleichnamigem Orchesterwerk oder seinen auf der Sammlung basierenden Liedkompositionen. Mit dem Einbezug des mit Sopranstimme besetzten Liedes „Das himmlische Leben“ auch im vierten Satz. Dafür braucht es eine weitere Solistin. Mallwitz hat Julia Grüter aus Nürnberg mitgebracht, auch sie macht ihre Sache sehr gut, steigert sich vom ersten zum zweiten Abend noch. Reizvoll wäre es, Grüter im Lied von der Erde oder im Wunderhorn zu erleben, das Zeug dazu hat sie.