In einem war man sich schnell einig: Die Pandemie könne keine Strafe Gottes sein. Schon im Frühjahr letzten Jahres meldeten sich einige Theologen zu Wort und wiesen die Vorstellung ab, dass Gott uns strafen wolle und die Pandemie eine solche Strafe sei.
Ihnen kann man nur beipflichten. Der Gott, an den Jesus geglaubt, den er seinen Vater, ja sogar seinen Papa genannt hat, ist kein Gott, der Strafen verhängt. Gott bestraft uns nicht, so wie wir vielleicht als Kinder bestraft worden sind, wenn wir Unsinn getrieben haben. Genauso wenig belohnt uns Gott, wenn wir etwas besonders gut gemacht haben. Wer von der Pandemie oder einem anderen Unglück verschont geblieben ist und nun meint, das sei eine Belohnung Gottes für seinen Glauben oder sein untadeliges Verhalten gewesen, irrt sich ebenso wie jemand, der ihn in der Pandemie strafend am Werk sieht. Mit einem reflektieren christlichen Glauben hat solch ein anthropomorphes Gottesbild jedenfalls nichts zu tun. Der Gott, an den Jesus geglaubt hat, ist kein überweltlicher Sarastro, von dem es in Mozarts Zauberflöte heißt, er lohne und strafe als göttlicher Weiser.
Es gibt allerdings noch eine andere, weniger unmittelbar anthropomorphe Weise, die Pandemie für eine Strafe Gottes zu halten. Freilich ist auch diese Art nicht weniger problematisch: Nehmen wir einmal an, es würde sich als richtig erweisen, dass der Ursprung der Pandemie auf dem Wildtiermarkt in Wuhan zu finden ist (eine Annahme, die nicht sicher ist) und das Virus über eine Fledermaus durch ein Wirtstier auf die Menschen übergegangen ist. Bei der Übertragung würde es sich also um einen Fall von Zoonose handeln, bei dem ein Virus von einem Tier auf den Menschen übertragen wird. Diese Übertragung, so das Argument, hat der Mensch nun selbst zu verantworten, denn ohne den Raubbau an der Natur wäre es nie zu einer Übertragung des Virus gekommen. Weil der Mensch in einen Lebensraum eindringt, in dem er nichts zu suchen hat, kommt er in Kontakt mit Tieren, die für ihn gefährlich sind. Die Pandemie, so die fragwürdige Deutung, sei eine Konsequenz der Ausbeutung von Gottes Schöpfung. Dafür ist die Schöpfung nicht gemacht und rächt sich an dem Menschen.