Neues Morgenblatt
für gebildete Stände

Theater · Literatur

Es ist so schön im Tomaselli

Eine Salzburger Geschichte

18. August 2023  ·  Werner Fischer

Für uns ist das einer der schönsten Plätze auf der Welt und beinah der allerliebste; hier zu sitzen in der Nachmittagssonne des Hochsommers, hier auf der weißen Galerie des Café Tomaselli in Salzburg, möglichst nah der Brüstung, unter einem der Sonnenschirmchen vielleicht, wenn die Augustsonne drückend wird – darüber geht uns eigentlich nichts, es macht uns wohlgelaunter, weltversöhnlich, gar episodisch glücklich. Hierher zurück sehnen wir uns, wenn's novemberneblig wird im kargen Norddeutschland, und kehren, da wir noch leben, zurück hierher im nächsten Sommer, erwarten schon, vom Residenzplatz heranschlendernd, nicht ohne sentimentales vorfreudiges Wiedersehensbangen, hinter der letzten Ecke dieses helle Gast-Haus, das da in Gemütlichkeit und Anmut wieder ein ganzes Jahr lang ausgeharrt hat, wir meinen dann: unser geharrt. 
 

Kaum einmal begnügen wir uns damit, an einem der ebenerdigen Tische unter der Galerie Platz zu nehmen, wo man meist nur Zeitung liest oder hermetisch vertiefte Gespräche führt und mit dem Straßenbild stumpf und achtlos vertraut ist bis zur Blindheit. Lieber klettern wir gleich nach oben: über eine Wendeltreppe von übermütiger und geradezu nautischer Enge, daß man einem etwa Entgegenkommenden turnerisch geschickt auszuweichen hat oder ihm, im eiligeren Fall, fast unvermeidlich in die Arme lauft.

Oft genug treffen wir dann freilich dieses obere Sonnendeck schon so bunt und menschenerfüllt an, dass wir uns trauernd dennoch in einem der inneren Räume etablieren müssen, aber trauernd wieder nicht allzu schwarz, weil man ja auch hier, sitzend am liebsten an einem der schmalen Nischentischchen, in dieser honigbraun getäfelten altväterlichen Kulisse, zwischen anonym historischen Bildnissen und den meist lebhaft umworbenen Zeitungsständern, Auge und Ohr nicht darben lassen muß, nur daß es sich hier zu beschränken hat oder auch konzentrieren darf aufs Menschlich-Physiognomische, woran man denn, nebenher und wie zufällig zuschauend, seinen diskreten Anteil nimmt: am Auftreten etwa der hier zur Festspielzeit beinah allgegenwärtigen musischen Prominenz, die immer wieder einmal, in Fleisch und Bein, plötzlich das Bild belebt.

Mit unverminderter Wohllaune also finden wir uns in solche keineswegs blutarme Innenschau, aber sind doch noch vergnügter, wenn die vorgefundene Außenbesatzung diese und jene Lücke aufweist, gar am blumenbunten Geländer, wo man seine nördlich ungeschlachte Körperlichkeit notgedrungen ins Benehmen zu setzen hat mit dem winzigen Rund dieser weißen Tischchen, von denen den entbehrten Topfenstrudel, die unersetzliche Cremeschnitte zum Munde zu führen nur mit einiger tänzerischer Grazie zu leisten ist. Wir empfinden aber durchaus keine Mühsal dabei, obwohl wir manchmal nur kauern können am labilen Rand dieser weißmetallenen Stühlchen oder für unsere Bissen weite, gefährdete Luftwege in Kauf zu nehmen haben. Willig schicken wir uns in alle Unbequemlichkeit, weil nun auf Erden nie alles beieinander ist und weil man billigerweise nicht verlangen kann, den schönsten Platz auf der Welt auch noch im Klubsessel zu behaupten.

Auch die hier geforderten Preise von Kaffee und Kuchen haben uns nur am Anfang erzittern lassen; inzwischen sagen wir uns (nicht besonders sozial, aber das Soziale schlagen wir für diesmal, fahrlässig, übermütig, in den Wind), daß bei einer populäreren Preisgestaltung die Galerie vollends nicht mehr zu betreten wäre, weil sich dann einfach jedermann an dieser Brüstung bei seinem Bier würde räkeln wollen; und Schönheit, die habe halt ihren Preis.

Man sieht von hier, über einer kaum gezierten Wandmasse, die noch zur Residenz gehört, die barocke Verschwendung der beiden Domtürme: steinern helles Geländer in den Lüften, mit dem zierlicher gewordenen oktogonalen Gemäuer drüber und der gerippten Patina der Kuppelchen, die noch einmal ragende Laterne tragen mit Goldkreuzen darauf. Das alles kann man aber auch nur nehmen als Vordergrund und Folie und seinen Blick weiden auf der entfernteren Höhe des Mönchsberges, wo er mauer- und turmbewehrt ist.

Meistens aber ist unseren Sommerblicken das alles zusammen, dieses glückliche Ensemble von Türmen, Kuppeln, Zwiebeln, Nadeln und nochmals Kuppeln, gar kein scharf und identifizierend erfaßtes Ziel mehr, sondern eine hohe und festlich urbane Kulisse, taugt, zusammen mit dem intimen Rechteckmaß des alten Platzes zu unseren Füßen, dem heiteren Fenstergeschnörkel des gegenüberliegenden Hofapothekenhauses, dem kunstvoll schwingenden Spiel des schmiedeeisernen Gitters auf dem Florianibrunnen, scheint uns vorzüglich zu taugen als Erscheinungs- und Auftrittsort, als Begegnungsstätte aller der Menschen hier, die doch unser erstes Interesse sind.

Natürlich rede ich hier nicht von diesem täglichen Auftrieb, nämlich allen den mißlichen Umzügen, herrührend von einem gewissen oberflächlichen Autobustourismus, mit denen sich Salzburgs enge Altstadt im Sommer jeweils abzuplagen hat und die man hierzulande, wie ich mir denke, mit einem Gemisch ignorierender Verachtung und ökonomisch grundierter Toleranz ansieht. Dies anscheinend bloß glotzende, überwiegend miesmaulige und bauchig bequeme Volk folgt dann da unten seinem alert voranschreitenden Führer in der sämig eingedickten Bewegung der unschlüssigen Masse.

Davon, wie gesagt, rede ich lieber nicht; eher suchen wir unsere eindruckswilligen Blicke zu hüten vor denen, wie übrigens auch vor den gelangweilt-langweiligen Mienen so mancher nichts als Reichen dieser Welt, die, gegen den Vorstellungsanfang hin, in glitzernd dekolletiertem Gewand, in festabendlichem Schwarz da und dort unterwegs sind, ihre verdorrte Seele, recht folgenlos wohl, auszusetzen der jenseitigen Einsamkeit Ariadnes, dem versponnenen Flötengetön jenes Märchenprinzen.

Dergleichen mag mißlich oder gar einmal abstoßend bemerkbar sein auf Salzburgs Straßen, und es mag kulturrevolutionär gestimmte Feuilletonredakteure zu scharfen und geißelnden Auslassungen nötigen über eine bourgeois veräußerlichte Üppigkeitskunst. Uns kümmert nicht die Ödnis solcher Visagen noch die solcher Tiraden; wir sind glücklich hier, glücklicher wahrscheinlich als irgendwo auf der Welt. In hoher Stimmung sind wir bereit, auf diesen Straßen und Plätzen, in diesen Gassen und gemütvollen Innenhöfen, auf dieser ganzen engen und malerisch verwinkelten Bühne von Salzburgs Altstadt unsere herzschlagerhöhend festliche Begegnung zu halten mit den Gesichtern der Welt.

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