Neues Morgenblatt
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Theater · Literatur

Fragmente aus einem Leben in vier Welten

Die Lebensgeschichte von Nadja Banholzer

13. November 2023  ·  Christian Begemann

In meiner Gymnasialzeit in München besuchte ich einige Jahre einen freiwilligen Russischkurs im benachbarten St. Anna-Gymnasium. Die Lehrerin hieß Nadja Banholzer und war eine kleine, energische, sehr zugewandte, freundliche und kommunikative Frau in den späten Vierzigern. Sie kümmerte sich um soziale Aktivitäten ihrer Gruppe nicht weniger als um den Unterricht und kannte alle und jeden. Wenn man mit ihr in einem Lokal saß, kam garantiert ein ehemaliger Schüler herein, bei dem sie den ganzen Kurs zur Erdbeerbowle oder zu einem Hauskonzert einladen konnte. Das war imponierend und kurios zugleich. Jahre später – ich war längst aus der Schule heraus – stieß ich in einigen Artikeln in Tageszeitungen wieder auf Frau Banholzer, wo sie als „bayerische Chinesin“, als Münchner Original und Lebenskünstlerin vorgestellt wurde, die lange Zeit eine der ganz wenigen Russisch- und über zwei Jahrzehnte die einzige Chinesischlehrerin überhaupt an Münchner Gymnasien war. Das erste Chinesisch-Lehrbuch für Schülerinnen und Schüler hat sie auch verfasst. In diesen Artikeln wollte sie über ihr Leben nicht befragt werden und bemerkte nur vage, sie stamme aus Rostow am Don und habe Vorfahren aus China, der Türkei, Russland und sogar aus dem Schwäbischen. So habe ich das abgespeichert, es passte auch irgendwie ganz gut. Erst kürzlich bin ich, wenn ich so sagen darf, Frau Banholzer wieder begegnet, die 2019 im biblischen Alter von 98 Jahren verstorben ist. Ihr Sohn Peter Banholzer, Internist, Psychotherapeut und bezeichnenderweise auch Spezialist für Psychotraumatherapie, hat nämlich, basierend auf ihren eigenen Aufzeichnungen, ein kleines Buch über ihre Lebensgeschichte herausgegeben. Dieses Buch nun, so muss vorausgeschickt werden, ist keine ‚Literatur‘ im engeren Sinn, aber es ist unendlich viel mehr als all die Autobiographien von Fußballstars, Schauspielerinnen, Chefköchen und Influencerinnen, die den Markt fluten. Es lässt sich eine Menge aus ihm lernen. Darum sei es hier zur Lektüre empfohlen.

Dass Nadja Banholzer nicht nur eine Lebens-, sondern auch eine Überlebenskünstlerin war, belegt diese kaum fassliche Lebensgeschichte drastisch. Über weite Strecken ähnelt sie einem Pikaroroman, wie etwa dem „Simplicissimus“ Grimmelshausens, der die Abenteuer seines gar nicht so simplen Helden in den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vergegenwärtigt. Geboren wurde Nadja Banholzer 1921 in Turkmenistan, wo ihr Vater, der ursprünglich ein adeliger zaristischer Offizier war, in den nachrevolutionären Wirren für die Rotarmisten gegen die Mudjaheddin kämpfen musste, die es schon damals gab. Dieser Einsatz bewahrte ihn nicht davor, später in einem stalinistischen Gulag zu verhungern. Die Verhaftung des Vaters beendet Nadjas Schullaufbahn, die Familie wird fortan geschnitten, mehr aus Zufall heiratet sie einen Vetter, der bald zum Militär eingezogen und wenig später kriegsbedingt aus ihrem Leben verschwinden wird. Dass er überlebt und wieder geheiratet hat, erfährt sie erst viele Jahr später, als sie selbst bereits wieder verheiratet ist – beide hatten sich gegenseitig für tot gehalten. Nach kurzen Tätigkeiten als Chemielaborantin in einem geheimen Industriekomplex in Sibirien und als Bibliothekarin holt die junge Frau im Selbststudium den Schulabschluss nach, studiert Pädagogik und Deutsch und wird Lehrerin für schwer erziehbare Kinder in Novotscherkassk. Dann fallen die deutschen „Freunde“ ein. Die Mutter, inzwischen ebenfalls beim Militär, scheint bei einer „geheimen Mission“ hinter den deutschen Linien verschollen zu sein, jedenfalls hat man nie wieder etwas von ihr gehört, der Bruder wird von einem mit den Deutschen verbündeten Kosakenkommando erschossen. Mit einigen wenigen anderen Lehrern versucht Nadja, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, ‚organisiert‘ Lebensmittel für ihre Schüler und versteckt jüdische Kinder. Als die Deutschen nach der Schlacht um Stalingrad abrücken, nehmen sie Nadja als Dolmetscherin mit, die hier den jungen Hauptmann Banholzer kennenlernt, aber auch wieder aus den Augen verliert. Nun beginnt eine fast dreijährige Odyssee, die nach Westen führt. Nadja erfährt den Krieg, erleidet einen schweren Autounfall, ist Zeugin einer Massenerschießung von Jüdinnen und Juden und rettet die Bewohner des jüdischen Ghettos im transnistrischen Bar, die sie in einer nächtlichen Aktion vor der Ankunft des SS warnt, sodass sie fliehen können. Sie steht nun zwischen den Lagern, denn den Russen darf sie nicht in die Hände fallen, weil diese sie für eine Kollaborateurin halten würden, während die Deutschen sie zwar beschäftigen, ihr aber misstrauen. Von der Gestapo wird sie verhaftet, dann aber als Telefonistin in einer Klinik in Zakopane im südlichen Polen beschäftigt, und wechselt nun in den Sanitätsbereich. Mit einer Lazaretteinheit gelangt sie ins heutige Tschechien, arbeitet bei der Versorgung von Verletzten und Kranken mit, wird eines Nachts sozusagen von der Front überholt, stiehlt in einer tschechischen Kommandantur vorausgefüllte Passagierscheine, die ihr weiterhelfen, aber doch nur wenig. Die genauen Zuständigkeiten sind zwischen Russen, Polen und Tschechen unklar und widersprüchlich, es folgen neue Wirren und Gefahren. Die junge Frau muss nicht nur permanent um ihr von allen Seiten bedrohtes Leben bangen, sondern sich auch gegen übergriffige Männer aller Nationalitäten zur Wehr setzen. Schließlich gelingt es ihr, aus dem sowjetischen in den amerikanischen Besatzungssektor zu wechseln. Von einem befreundeten deutschen Arzt schwanger, der mit ihr zusammen geflohen war, trifft sie in Kaufbeuren den Hauptmann Banholzer wieder (‚nach dem Krieg in Kaufbeuren‘), der aus einer Künstlerfamilie stammte und übrigens ein Neffe von „Bi“ Banholzer, der Jugendgeliebten Bertolt Brechts, war. Einige Jahre nach der Heirat zieht das Paar nach München um, Nadja arbeitet erst als Mixerin in einem Nachtclub, dann mit selbstverfertigter Expertise als Pelzfachverkäuferin, schließlich gelingt es ihr, das bayerische Kultusministerium von der Notwendigkeit von Russischkursen an Gymnasien zu überzeugen. Sie wird Lehrerin erst für Russisch, dann auch für Chinesisch, das sie sich erst in München angeeignet hatte und als eine leichte Sprache anpries. Als Lehrerin findet sie endlich zu dem zurück, was sie in einem positiven Sinne erfüllt. Der Katastrophe hat sie dann doch noch ein Gelingen abgetrotzt.

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