Dieser Artikel ist unfair. Er missachtet innovative Forschungsansätze, motivierte Wissenschaftler*innen und relevante Ergebnisse. Stattdessen zerrt er aus den Fachankündigungen der letzten Monate gezielt und in denunziatorischer Absicht das Groteske und Abseitige hervor. Aber: Es muss sein. Denn das lähmende Gift dieser Gartenlaubengermanistik ist inzwischen in beträchtliche Teile des wissenschaftlichen Betriebs eingedrungen.
Als im Jahr 2017 ein umfassender Spiegel-Artikel über die Krise der Germanistik erschien, gab es großen Unmut innerhalb des Fachs. Vor allem ein Vergleich der gesellschaftlichen Bedeutung von Geschichtswissenschaft einerseits und Germanistik andererseits, der für letztere nicht eben positiv ausfiel, wurde abgelehnt. Ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, so sagte man intern. Mag sein. Aber dass der öffentliche Stellenwert der Germanistik seit langem schwindet, ist leider dennoch eine zutreffende Beobachtung. Selbst viele Studierende der Germanistik können kaum noch namhafte Vertreter*innen ihres Fachs nennen, sofern diese nicht zufällig an ihrer eigenen Universität tätig sind.
Gerade vor dem Hintergrund dieses voranschreitenden Bedeutungsschwundes sind manche Forschungsfelder, die aktuell von der Literaturwissenschaft bearbeitet werden (alle Beispiele aus dem Winter 2019/2020), geradezu absurd oder – wie im ersten Beispiel – wahrlich haarsträubend:
Internationale Konferenz – Eine haarige Angelegenheit: Gegenständliche Poetiken des Haares (München)
[Aus dem Ankündigungstext:] [...]
Das Haar nämlich ist Ort narrativer Schnittgewalt, lyrischen Exzesses und dramatischer (Ver-/Zer-)Knotung und öffnet dabei den Blick auf das Groteske und Unheimliche des Haares, das eng mit dessen spezifischer Materialität verknüpft ist: ob fein, dick, lockig oder geschoren, Kopf- und Körperhaar bedrohen durch ihren Status als tote Substanz, die über den Leib hinausreicht, die Integrität von Körper und Text. Im toten Material konzentriert sich eine aufgestaute Lebendigkeit, die dem Haar eine Widerständigkeit einschreibt, es als Wiedergänger auftreten, vom Körper abfallen oder zum unheimlichen Aktanten werden lässt. Diese gespenstische Gegenständlichkeit und überschüssige Vitalität bilden schließlich auch die Schnittfläche, an der sich ökonomische, medienhistorische oder psychoanalytische Auseinandersetzungen mit dem Haar anlagern: [...]