Während die drei letzten Mozart-Symphonien zu den meistgespielten symphonischen Kompositionen überhaupt gehören, verschwindet im Klassikbetrieb oft, wie überragend Mozarts Sakralmusik in ihrer Zeit steht und kühn vieles vorwegnimmt. Sein unvollendetes Requiem (KV626), Mozarts letzte Komposition, ist allbekannt, weltberühmt und daueraufgeführt; steht quer zu solchen Einschätzungen, kann die Vernachlässigung von über 70 Chorälen, Oratorien, Messen oder Epistelsonaten aber kaum rechtfertigen.
Mozarts Missa in c-Moll (KV427; „Große Messe“ als postume Bezeichnung) ist eine lateinische Missa solemnis; steht mit Fugen und Kontrapunkten nach Bachschem Vorbild zwischen h-Moll-Messe und Missa solemnis Beethovens, jedoch diesen an Größe und Bedeutung in nichts nach, blieb Fragment. Mozart brach 1782/83 ab, zugleich ist sie trotz Unvollständigkeit seine gewaltigste und längste Messe. Spannend, dass mit Philippe Herreweghe einer der Altmeister historischer Aufführungspraxis mit seinem Orchestre des Champs-Elysées und Collegium Vocale Gent Mozarts 40ste Symphonie mit der Großen Messe kombiniert. Damit tourt er bis Monatsende durch Europa (begonnen als Migros-Kulturprozent-Classics-Reihe am 15. November in Genf, danach 16. November Bern), um größere Hallen aufzusuchen: Tonhalle Zürich, Concertgebouw Amsterdam, Elphilharmonie Hamburg.
Zugleich nichts Neues; Herreweghe hat wenig Mozart aufgeführt und aufgenommen, diese Werke aber prominent. Auch hier gilt: Übung macht den Meister: meisterhaft, wie entschieden und solide dieser Mozart aufgeführt wird, keinerlei falsche Routine. Nach jahrelangen Renovierungen des Berner Casinos kann Herreweghe dort kaum probiert haben (der Casino-Saal blieb bis Herbst 2019 geschlossen, war während der Pandemie unregelmäßig geöffnet). Trotzdem dirigiert Herreweghe mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, als wäre er immer hier zuhause gewesen oder hätte sich tagelang auf diesen Konzerttermin vorbereitet.