In diesen Wochen las ich ein Buch, das überall genannt wird, aber so gut wie verschollen ist; ein millionenschwerer Bestseller ehedem, aber selten gelesen; in deutschen Bücherschränken einst kaum weniger verbreitet als die Bibel, aber eine pechschwarze Gegenbibel. Ein grollender junger Mann hat das verfasst mit Zähneknirschen, und zähneknirschend liest man’s wieder. Er stammte aus dem Österreichischen, nannte sich Hitler, und sein Opus nannte er „Mein Kampf“.
Das Buch zu lesen, darf eine Leistung heißen; es bis zur letzten Seite zu lesen, kam mir fast wie Selbstaufgabe vor. Nicht als ob der literarische Anspruch des Autors den Zugang zu seinen Gedanken mühselig machte, das gewiss nicht. Diese Gedanken, wenn wir sie einmal so ungenau bezeichnen wollen, sind, mit Goethe zu sprechen, „getretner Quark“, ausgelaugt durch endlose Wiederholung und ohne jedes Aroma von Originalität. Aber was für eine Stimme bellt uns da an, wenn wir über achthundert Seiten hin durch diese geistige Steppe irren! Das ist ein verdorbenes Organ, das uns im hysterischen Fortissimo jahrmarktpathetisch in die Seele lärmt. Taumelnd liest man das, halbtaub und von Brechreiz gepeinigt, mit einer Gasmaske überm Gemüt, sozusagen.
Welches Profil, welches Gesicht tritt nun aus diesen wüsten Seiten hervor? Kein Gesicht – ein patriotisch hohes Heldenhaupt, retuschiert bis zum Ausdrucksvakuum des Mannequins, ein rosig verklärter, blonder, blaublickender Plakat-Kitsch, ein Spießer in Denkmalspose – kein Gesicht. Was für ein Gesicht hatte dann der, der das hinschrieb? Ein ganz durchschnittliches, unbedeutend-schlaffes, beinahe keines, das eines beliebigen jungen Menschen aus dem Kleinbürgerstande, von keiner erkennbaren Begabung gezeichnet, ausgenommen der einen fatalen, rattenfängerischen, derer er mit den Jahren allmählich gewahr wurde.
Vorzeitig hatte er die Realschule verlassen, seiner künstlerischen Berufung euphorisch sicher. Aber die Welt teilte seine Selbstgewissheit nicht, verweigerte ihm bereits die Aufnahme in die Kunstakademie. Vier Jahre stand er draußen vor der Tür zur Welt, der Bauhilfsarbeiter, Postkartenpinsler, mit dem Schwelbrand von Ehrgeiz in seiner dumpfen, gärenden Seele. Weithin zu wirken – das muss schon damals sein ohnmächtiger Traum gewesen sein. Er hatte, trostlos zu sagen, nur den Drang, nicht die Fähigkeit dazu, mindestens nicht im Rahmen eines bürgerlichen Lebens. Aus dem schlimmen Blickwinkel des Obdachlosenasyls, in dem er, aus welchen Gründen immer, längere Zeit hindurch Unterschlupf fand, sah er die Welt. Sicherlich sieht es dann ohnehin böse genug mit ihr aus. Und er machte sie noch böser; auf seiner Palette gab es nur Schwarz.
Er war wach und witternd argwöhnisch, dabei kläglich unorientiert, und wollte sich bilden. Er bildete sich aus Argwohn, um die Welt zu entlarven, gleich die ganze Welt. Er las, man weiß es, mit der Ratlosigkeit des Autodidakten und ebenso unersättlich, dies und jenes, vielerlei: Traktate, Populärwissenschaftliches, Pseudowissenschaftliches, abgestandene Hypothesen, von provinziellen Geistern kleingekaut und verhunzt. Das las er gierig, rachedürstend, und in ihm begann zu wachsen, was man, übrigens mit jedem Jahrzehnt lügenhafter, ein Weltbild nennt. Sein Bild von der Welt war kaum eine Karikatur zu nennen, aber für ihn war die Welt ja ohnehin nur noch eine semitische Fratze, und die glaubte er endlich erkannt, durchschaut zu haben. Dieses ganze unübersichtliche Leben, die verwirrende Vielschichtigkeit der Welt, die schwieriger wird von Tag zu Tag, dieses nebelige, niederträchtige Labyrinth – er hatte das Tor gefunden, das da herausführte ins Freie; er hatte den Schlüssel, der alles erschloss, der junge Gelegenheitsarbeiter im Männerheim im Habsburger Vorkriegswien.
Der Schlüssel hieß „Jude“ und erklärte schlechterdings jede Gemeinheit, jede Verderbnis, jedes Unheil auf Erden. Es stand schlecht um Sitte und Anstand in der Großstadt? Der Jude war es, der sie verdarb, kühl und zielbewusst! Man war dem teuren deutschen Vaterlande gram in Europa? Aber der Jude brachte systematisch die Welt dagegen auf! Es war abwärts gegangen schon mit so mancher Kultur in der Geschichte? Nun, der Jude hatte sein minderes Blut listig unter das kostbare arische gemischt und durch solche „Bastardierung“ dieser Kultur das Licht ausgeblasen. Der Jude, der Jude – er hatte den Schlüssel, und er wollte ihn schwenken vor seinem Volk. Der Schlüssel war glatt und griffig, ein Faustkeil, eine Waffe. Jeder konnte sehen: das ist ein Schlüssel. Ein klarer Umriss; und hassen kann jeder, beinahe jeder. Hass ist die einfachste Reaktion auf die Schwierigkeit der Welt, die faulste, phantasieloseste, unerlaubteste.
Da kam der Krieg, ein Schnitt mitten durch das Leben Europas. Aber bei dem armseligen Grübler in Wien gab es nicht viel abzuschneiden: keine Karriere, keine Sicherheit der Existenz, kein irgendwie positives Verhältnis zum Dasein. Er muss den Krieg als Wohltat empfunden haben, denn der gab seinem amorphen Hass fürs erste doch eine klare Stoßrichtung. Und als der Krieg zu Ende ging und der gemeinsame Hass versickerte, da kam es dann über ihn: Er „beschloß, Politiker zu werden“. Übrigens findet sich in „Mein Kampf“ eine Schilderung dieser fatalen Konversion: dramaturgisch so aufwendig, dass sich daneben etwa die gewiss nicht langweilige Bekehrungsszene in den „Bekenntnissen“ des heiligen Augustinus liest wie ein Fahrplan.
An seiner giftigen Einsicht sollte die Welt genesen, mindestens soweit sie sich arisch nennen durfte. Und für die anderen, die rassischen Schmutzfinken, das Blutgesindel hielt er auch eine Lösung bereit – „Endlösung“ hieß das, recht exakt, nach ein paar Jahren.