Auf einer Bühne zu stehen bedeutet immer auch, exponiert zu sein. Das verbindet Schauspieler mit Menschen in Machtpositionen. In beiden Fällen ruhen die Augen der Menge auf einem, gilt es, Erwartungen zu erfüllen, Entscheidungen zu treffen – vielleicht auch: jemandem etwas vorzuspielen.
Nicht so für die dreißig nackten Männer, die sich in dieser Inszenierung von Anfang an als buchstäbliche Stützen des Theaterabends präsentieren. Sie stehen – für eine von Männern dominierte Welt, für das Patriarchat. Durch ihre Anzahl und ihre breitbeinige, selbstsichere Präsenz haben sie stets das Potential, die Bühne für sich einzunehmen. Gleichzeitig decken die nackten Körper sich gegenseitig, verdecken ihre Verletzbarkeit. Nie wird ein einzelner herausgepickt und der Menge vorgeführt, wie es etwa bei den zwei Frauen der Fall ist, stets erscheinen sie als homogene Masse. Sie sind während der zwei Stunden und vierzig Minuten beinahe immer anwesend, und dass sie dies tun können, ohne dabei ausgegriffen zu werden, wie es, Überraschung, bei den zwei Frauen der Fall ist, spiegelt das Privileg wider, das Männer nicht nur in der Welt von „Maria Stuart“ besitzen.
Vor diesem ungeschönten, aber wohl ästhetisch ansprechenden Hintergrund entfaltet sich das Königinnendrama, unterbrochen lediglich von kurzen Blenden, während derer die Szenenwechsel stattfinden (Dramaturgie: Alexander Kerlin). Stellenweise wird das Geschehen untermalt von minimalistischer Musik und einem Ticken, das wohl auf die verbleibende Zeit Marias und damit des Stückes hinweist. Annette Murschetz gibt dem Ganzen einen passenden Hintergrund: Wie Gefängnis- oder Burgmauern ragen drei Wände um die Schauspieler*innen auf, gekrönt von Scheinwerfern, unter deren kaltem Licht die Intrigen und Täuschungen wie auf einer zweiten Bühne ihren Lauf nehmen.