Wer sich die Spielpläne der großen deutschen Stadt- und Staatstheater anschaut, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Dramen werden auf unseren Bühnen nur noch selten gespielt, Klassiker so gut wie gar nicht mehr. Der überreiche Schatz dramatischer Literatur von A wie Aischylos bis Z wie Zuckmayer bleibt weitgehend ungenutzt. Vielleicht will den Regisseuren nach Jahren exzessiver Dekonstruktion und Ironisierung partout nichts Neues mehr einfallen. Ihre Kreativität scheinen sie nun vor allem beim Einrichten von Romanen oder Filmen für die Bühne zu erproben.
Auf den ersten Blick passt „Das Vermächtnis“ durchaus in dieses Schema – ist aber doch ganz anders. Denn Matthew Lopez´ Stück, das 2019 in London uraufgeführt und im Januar 2022 zum ersten Mal in Deutschland gespielt wurde, greift zwar auf einzelne Elemente aus E.M. Forsters Roman „Howards End“ (1910) zurück. Die Geschichte aber, die Lopez erzählt, geht doch ganz anders und thematisiert die Frage nach den Möglichkeiten des Erzählens selbst.