Christian Krachts Eurotrash (2021), autofiktionaler Abschluss eines Werks, das seit 1995 die deutschsprachige Gegenwartsliteratur prägt, ist das Motherland-Komplement zum Faserland-Romandebüt. Es gab bereits ein vom Autor aufgelesenes Audiobook; ein SWR/HR-Hörspiel; Eurotrash-Theateradaptionen u.a. in Berlin (Schaubühne, Premiere 18. November 2021), Hamburg (Thalia, Premiere 27. November 2021), Wien (Akademietheater/Burgtheater, Premiere 29. April 2022). Ist die „Schweizer Erstaufführung“ (Bühnen Bern, Premiere 16. Dezember 2023, Dernière 2. April 2024) brandaktuell oder verspätet?
Vanessa Bärtsch, Jeanne Devos, Jonathan Loosli spielen unter Kultregisseur Armin Petras kammerspielartig, reduziert. Temporeich agierende Körper, schneller Sprechtext. Schneeweiße Styropor-Bühne (Patricia Talacko), grelles Licht (Hanspeter Liechti), laute Musik (Miles Perkin). Eurotrash erleichtert dramatische Umsetzungen: viel Dialog, wenig Handlung, kaum Ortswechsel, drei Tage „im Herbst“. Icherzähler samt Mutter, letztere „sehr krank, das heißt krank auch im Kopf“: „Mama mit der Betonung auf dem zweiten A, Mama, wir werden jetzt zusammen auf eine Reise gehen, wir zwei“.
Die tablettenabhängige (Zolpidem, Phenobarbital, Quetiapin) Alkoholikerin (Wodka, Fendant du Valais), ohne Rollator kaum bewegungsfähig, muss aufgrund künstlichen Darmausgangs in Stomabeutel ausscheiden, was sie sonst zu sich nimmt (Toastbrot, Scheiblettenkäse, Fertiggerichte). Stellt sich mitunter tot, früherlernte Überlebensstrategie, als Elfjährige wurde sie sexuell missbraucht. Anders als Claire Zachanassian (auch Dürrenmatts Physiker werden aufgerufen, zudem „Kinderschänder Gert Fröbe“ aus Es geschah am hellichten Tag) verfolgt Krachts alte Dame („dreizehn oder vierzehn Millionen Franken, hauptsächlich in deutsche Waffensysteme und schweizerische Molkereien angelegt“) keine großen Ziele mehr, Endstation eine Winterthurer „Sterbeklinik“.
Dorthin wurde sie „zwangseingeliefert“, weil „kein Krankenhaus im Kanton Zürich sie mehr hatte aufnehmen wollen“. Das Gesicht der dementen Millionärin ist von Sturzwunden und Hämatomen gezeichnet. Bemitleidenswerte (Wohlstands-)Verwahrlosung, trotz Diamantenschmucks, Ferragamo-Kaschmirpullovern oder Bulgari-Sonnenbrillen: „Ich bin mit ihr also auf eine Reise gegangen, es würde wohl ihre letzte sein, hatte ich gedacht.“ Per Taxi ins Saanenland, über Morges, Genf zurück in die geschlossene Psychiatrie. Mutter und Sohn wollen neben Familiengeschichte und Vergangenheit belastende Reichtümer „richtig verschenken, loswerden, verschleudern. An irgendwelche Menschen, ganz zufällig.“