Erteilen Politiker schon vor der Wahl einzelnen möglichen Koalitionen eine Absage, so wird dies gerne, wenn auch ästhetisch unschön und sprachlogisch unsinnig, als ‚Ausschließeritis‘ gegeißelt (die Endung -itis zeigt eigentlich die Entzündung des Vorangehenden an). Auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird aktuell eine zunehmende ‚Ausschließeritis‘ diagnostiziert, wenn auch in feinerer Terminologie und auf die gesamte Gesellschaft bezogen. Es geht dabei um die systematische Ausgrenzung von Meinungen, die dem diskursiven Mainstream entgegenstehen. Ein markantes Beispiel hierfür ist Thomas Bauers lesenswerte Publikation Die Vereindeutigung der Welt von 2018, in deren Untertitel er einen ‚Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt‘ in der Gegenwartskultur beklagt.
Als eine Person, deren persönliche Überzeugungen mit dem progressiven gesellschaftlichen Mainstream bislang weitgehend deckungsgleich waren – die Homo-Ehe ist eine Errungenschaft, das SUV als Stadtauto dagegen weniger – muteten mir diese Überlegungen jedoch immer eher theoretisch an. Oder ich bezog sie nur auf die in den letzten Jahren beständig wiederkehrende Frage, ob denn nun auch Vertreter der AfD zu Podiumsdiskussionen geladen werden sollten oder nicht. Neuerdings drängt sich mir jedoch fast täglich das unangenehme Gefühl auf, dass auch in unserer angeblich ‚entideologisierten‘ Gesellschaft bestimmte Inhalte systematisch aus dem öffentlichen Diskurs hinausgedrängt werden; weil sie ungewohnt und unbequem sind oder einfach, weil sie nicht ins große Gesamtkonzept zu passen scheinen.
Die Initialzündung zu dieser Beobachtung liegt, wie so oft, in einer unangenehmen Erfahrung am eigenen Leib. Es kündigte sich kürzlich nämlich der erste familiäre Nachwuchs an und damit einhergehend stellten sich nicht nur Fragen bezüglich Kinderwagen, Federwiege und Beistellbett, sondern auch bezüglich des Impfens. Dass dieses Thema ein, wie man so schön sagt, ‚leidiges‘ ist, war meiner Frau und mir zwar von Anfang an bewusst, doch was als eher kurzer Abgleich zwischen den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und einigen kritischen Gegenpositionen geplant war, erwies sich als wahre Büchse der Pandora.
Nun handelt es sich bei uns weder um kategorische Impfgegner, noch denken wir quer (die Corona-Impfung etwa ließen wir uns lieber heute als morgen verabreichen) – aber eine Säuglingsimpfung gegen Windpocken? Eine im zweiten Lebensmonat vorgesehene Impfung gegen Rotaviren, die auch bei sehr ungünstigen Infektionsverläufen in aller, aller Regel nur zu ein paar Tagen Krankenhausaufenthalt führen?
Tatsächlich entwickelten wir nach bestem Wissen und Gewissen einen eigenen Impfplan, der von den offiziellen STIKO-Empfehlungen in kleinen Teilen abweicht. Von einer Impfung gegen Windpocken und Rotaviren nahmen wir Abstand, andere Impfungen verschoben wir zeitlich etwas nach hinten, weil wir unser Kind zunächst zuhause aufziehen und deswegen natürlich eine deutlich geringere Exposition vorliegt.
Mehr war es nicht. Doch mit dieser Entscheidung standen wir in einer nicht ganz unwichtigen Frage plötzlich und zum ersten Mal wirklich draußen, außerhalb des herrschenden Diskurses, fernab des gesellschaftlichen Konsens’.
Wer mit dem Strom schwimmt, spürt das Wasser um sich herum nicht – jetzt aber wurden wir unsanft herumgewirbelt und ich musste unwillkürlich an Michel Foucault denken, der wohl von einer ‚Manifestation diskursiver Macht‘ gesprochen hätte: Mehrere Kinderärzte verweigerten uns, den ‚Impfkritikern‘, schon vor dem ersten Termin jede Behandlung, obwohl die Entscheidungsgewalt und damit auch die juristische Verantwortlichkeit beim Impfen von Kindern eindeutig bei den Eltern und nicht bei den behandelnden Ärzten liegt. Als nach einigen Mühen ein Kinderarzt aufgetan war, der es uns ermöglichte, unser theoretisches Entscheidungsrecht auch praktisch umzusetzen, kam das Problem hinzu, dass auch gutverträgliche Einzelimpfstoffe inzwischen nur noch als Bestandteil von Fünf- oder Sechsfachimpfungen zur Verfügung stehen. Wer etwa die – aus unserer Sicht wichtige – Hib-Impfung möglichst früh für seinen Säugling möchte, muss also gleich einen ganzen Schwung anderer Impfungen mitverimpfen lassen. Hinzu kamen kleine, aber feine Details, wie etwa jenes, dass uns von Seiten der Krankenkasse 200 Euro ‚Bonus‘ entgehen, weil wir keine Impfhistorie nach STIKO-Maßgabe werden nachweisen können.