Bestimmt gab es in jeder literarischen Epoche jene melancholischen Kulturliebhaber (und jene melancholischen Kulturliebhaberinnen!), die sich durch das Unglück ihrer späten Geburt um das Miterleben einer großen künstlerischen Blüte betrogen sahen. Wie viele Zeitgenossen Heines etwa schwärmten wohl von der verpassten Weimarer Klassik oder der Jenaer Romantik? Und wie viele Zeitgenossen Goethes und Schillers wiederum schwärmten wohl noch für den großen Meister der Empfindsamkeit, Klopstock, oder gleich für Ovid und Horaz? Aktuell jedoch scheint diese Wehmut besonders ausgeprägt zu sein, was häufig in der skeptischen Frage zum Ausdruck kommt, was von der gegenwärtigen Literatur denn schon wirklich ‚bleiben‘ werde. Die wohlmeinende Aufzählung aktuell bedeutender Gegenwartsautor*innen als Entgegnung wird von diesen Melancholikern dann, Name für Name, mit einem bedauernden Achselzucken verworfen. So kann oft nur ein letztes As im Ärmel den Zu-Spät-Geborenen-Blues unterbrechen: Christian Kracht.
In der Wertschätzung seiner Texte hat sich zwischen Literaturwissenschaft, Literaturkritik Lesepublikum inzwischen eine einigende Übereinstimmung eingestellt, die als außergewöhnlich betrachtet werden darf. Denn wann war es zuletzt möglich, dass man von einem literaturwissenschaftlichen Seminar aus auf eine Party gehen konnte und dort mitunter genauso begeisterte Gesprächspartner zu einem Gegenwartsautoren fand wie eben noch in akademischem Rahmen?
Angesichts einer solchen Wirkung ist es eigentlich kurios, dass Krachts Romane vergleichsweise schwer deutbar sind und sich einer umfassenden Interpretation fast schon systematisch entziehen. Bei anderen Autor*innen der Gegenwart ist dies ganz anders (man denke nur an die meist konkret-politisch aufgeladene Literatur Juli Zehs). Krachts Texte dagegen bleiben tendenziell enigmatisch; den Inhalt seiner Romane kann man oft noch knapp zusammenfassen, wer aber das Gleiche mit der jeweiligen Textaussage versucht, der muss scheitern. Wie schafft es Kracht also, dass die Rätselhaftigkeit seiner Romane nicht langweilig oder enervierend wird, sondern offenbar gerade den Reiz seiner Literatur ausmacht?
Die Antwort auf diese Frage ist wohl beim Autor selbst zu suchen, genauer gesagt bei der planvollen Inszenierung seiner selbst als Autor. In einem Interview mit Denis Scheck (https://www.youtube.com/watch?v=cjewDAQdoB0) erzählt Kracht eine vielsagende Anekdote aus seiner kurzen Zeit als Kunststudent (bei 05:49 Minuten):
Ich hatte mich dann immer so angezogen wie ein Maler, also ich hatte einen Overall an mit Farbflecken überall, die ich mir sorgsam morgens aufgemalt habe [...]; ich war eher ein Maler-Darsteller und das haben die Mal-Professoren auch sehr schnell durchschaut [...].
Dieser kurze Einblick ist deswegen so interessant, weil bereits hier die Inszenierung Krachts als Künstler eine Rolle spielt. Kracht hat dann zwar bekanntlich schnell den Pinsel gegen die Tastatur eingetauscht, die Darstellung seines Künstlertums blieb davon aber grundsätzlich unberührt. Mehr noch: Seit seinem Romandebut Faserland im Jahr 1995 steht bei der Rezeption von Kracht-Texten immer auch die Frage im Raum, in welchem Verhältnis der reale Autor zu seinem Werk steht. Die vielen Leerstellen, die der Ich-Erzähler in Faserland bezüglich seiner selbst und der von ihm erzählten Welt lässt, haben von Beginn an dazu verleitet, die reale Person Christian Kracht als Erklärungsansatz heranzuziehen. Auch die Aufmachung des Romans in der Welt-Edition (siehe unten) steht erkennbar im Zeichen einer solchen Rezeptionshaltung, bei der die Grenze zwischen Hauptfigur und Autor verschwimmt.
Es handelte sich bei Krachts Selbstinszenierung als Schriftsteller von Beginn an um ein ironisches Spiel, das die hehre Theorie vom Tod des Autors mithilfe eines Lesepublikums konterkariert, das nur darauf wartet, Parallelen zwischen Fiktion und Realität ziehen zu können. Über die Jahre ergeben sich zudem geradezu strategische Inszenierungsmuster, denen Kracht immer treu geblieben ist: In den Interviews gibt er sich unnahbar, eine höfliche Dandy-Distanzierung wird als Mauer hochgezogen, hinter der die wahre Person mit ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen verborgen bleibt. Auf Facebook und Instagram postet Kracht dann ganz private Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugend und aus seinen bewegten Jahren als junger Erwachsener. Auf diesen Kanälen liefert er also jene persönlichen Einblicke, die er in den ironisierenden Interviews verweigert. Auch im Social-Media-Bereich bleiben diese Einblicke jedoch schlaglichtartig und ergeben nie ein stimmiges Gesamtbild. Auch hier liegt also mehr Spiel als Ernst vor – ein kritischer Flirt mit dem gesellschaftlichen Streben nach umfassender Authentizität.
Vor 25 Jahren wurde Krachts erster Roman nicht nur zum Bestseller, sondern auch er selbst wurde als Autorfigur zu einem Faszinosum: Wer ist dieser Dandy, der halb Oberschnösel, halb schüchterner Primaner zu sein scheint? In dem Vierteljahrhundert danach hat Kracht, auf dieser Anfangsfaszination aufbauend, sorgsam wie früher als ‚Maler-Darsteller‘ daran gearbeitet, sich selbst als eine Art lebendes Mysterium zu inszenieren. Hierin unterscheidet sich Kracht besonders von anderen namhaften Autor*innen der Gegenwart. Daniel Kehlmann etwa gibt sich stets als selbstreflektierter Poeta doctus zu erkennen, der kulturwissenschaftlich beschlagen ist und über seine eigenen Texte spricht, wie eben nur gestandene Literaturwissenschaftler*innen über Texte sprechen können. Und die bereits erwähnte Juli Zeh zeigt sich verlässlich als die engagierte und kritische Schriftstellerin, die man hinter ihren politisch gefärbten Romanen auch vermutet. Christian Kracht dagegen ist, etwas überspitzt gesagt, immer ein anderer, in jedem Interview, in jedem Social-Media-Post. Dabei korrespondiert sein jeweils aktuelles Kracht-Selbst stets auf subtile, schwer zu beschreibende Weise mit dem jeweils aktuellen Romanprojekt des Autors Kracht.