November ist Totengedenken: Allerheiligen, Kirchenjahrsende, Dunkelheit, Nebel, Kälte, Herbst. Da passt, dass am 6. November die Bühnen Bern in den Vidmarhallen Tom Kummers zweiten Roman Von schlechten Eltern uraufführten. Wie zuvor in Nina & Tom wird darin der Verlust der Ehefrau und Mutter zweier Söhne – die 2014 an Krebs verstorbene Nina – verhandelt. Autofiktion mit biographischen Parallelen. Zugleich ist Von schlechten Eltern Heimat- und Rückkehr-, Schweiz- und Bernroman, in dem Gegensätze Amerika–Europa–Afrika, Bern vs. Los Angeles, Klimawandel, Migration, Familienbeziehungen, Vatersein und Älterwerden diskutiert werden. Mit Fahrgästen einer Mercedes-Limousine, die Tom als Privatchauffeur über Schweizer Straßen steuert. In Dialogen oder nur im Kopf: „Am liebsten fahre ich Pakete und Koffer.“
Wie in Kummers erstem Roman geht es um Nina, die Beziehung zu ihr, die Erinnerung an sie. Alles spielt diesmal nicht in Los Angeles und endet mit Ninas Tod, sondern in der Schweiz und mit Zusammenkunft der Restfamilie. Wieder ein Buch durchsetzt mit Rückblenden an gemeinsame Zeiten, wieder Barcelona, Berlin, Los Angeles. Literarisches Denkmal großer Liebe. Der Wunsch, mit der Toten zu sprechen: „Glauben Sie nicht, dass wir göttliche Wesen sind, mit einer unsterblichen Seele und einem ewigen Geist? Nein, das glaube ich nicht. Ich schon. Wir können in ein vergangenes Leben zurückkehren und dort mit unseren Toten sprechen.“
Totengespräche im dicken Mercedes, als Dialogpartner internationale Fahrgäste. Der Fahrer heißt Tom Kummer, zwei Söhne, der volljährige Frank ist in Los Angeles zurückgeblieben, der zwölfjährige Vincent (Vince) nach Bern mitgezügelt, Toms Geburtsstadt. Nach Jahrzehnten zurück in der Modellwelt, der „Legostadt Bern“. Nachts on the road: „Meine neue Heimat sind die Schweizer Straßen.“ Dort verdient Tom seinen Lebensunterhalt, fährt für einen elitären Shuttle-Service zwischen schweizerischen Flughäfen und Bundesstadt.
Lässt sich das auf die Bühne bringen, fürs Sprechtheater umarbeiten? Mit so großartigen Schauspielern wie Kilian Land, Jonathan Loosli und Jan Maak eine gemähte Wiese – sollte man meinen. Tilmann Köhler missglückt seine erste Berner Regiearbeit trotzdem. Unverständlicherweise, weil Kummer ein begnadeter Dialogschreiber ist, kulminierend in seinen am New Journalism ausgerichteten gefälschten Hollywood-Star-Interviews, die besser waren als alles, was diese fingierten Interviewpartner im echten Leben jemals äußerten. Zur Buchausgabe der Fake-Interviews schrieb Ulf Poschardt, der wegen Kummer seinen SZ-Magazin-Chefredakteursposten räumen musste: „Der Dialog steht am Anfang der Philosophie. […] Für Tom Kummer stand das nie zur Diskussion. Er will mit den Menschen, die er trifft, sprechen, kein Interview führen. […] So entstehen Dialoge und – wichtiger noch – gute Texte.“ Gute Texte gleich gutes Theater?
Kummers Text sollte sich als Vorlage eigentlich perfekt eignen. Es gibt darin genügend satirische Überzeichnungen der Schweiz, um ausreichend Lacher zu garantieren, das Berner Publikum schmerzfrei abzuholen. Aber diese Inszenierung, die sich einreiht in rezente Literaturbearbeitungen für die Theaterbühne, ist leider misslungen. Die literarischen Qualitäten des Romans, unter den fünf besten für den Schweizer Buchpreis nominiert, zum Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen, bleiben auf der Strecke. Das liegt weniger an der Textauswahl als an der verflachenden Einrichtung. Im Programmheft werden wir instruiert, Von schlechten Eltern sei keine „Geschichte eines Mannes, der um seine Frau trauert“, sondern „ein wichtiger Text zur spezifisch Schweizerischen Männlichkeitskrise“. Es gehe „um die verunsicherte Identität des Schweizer Mannes. […] Von schlechten Papis ähh Eltern buchstabiert dieses Thema auf evidente Weise durch.“ Entsprechend wälzen sich Land, Loosli und Maak mit nacktem Oberkörper am Boden. Aufeinander. Markieren einsame Wölfe oder „Schweizer Mannen“. Brüllen herum, schlagen sich auf die Brust.