Wie als Künstler umgehen mit der reichen, womöglich gar erdrückend reichen Vergangenheit? Wie sich verhalten zu Überlieferung und Tradition? John Neumeiers „Dornröschen“ zeigt eine Möglichkeit, die in doppelter Hinsicht als exemplarisch gelungen gelten darf. Wenn Choreographen wie etwa Martin Schläpfer das große Erbe der Ballett-Tradition schlankerhand unwillig entsorgen (sein Wiener „Dornröschen“ ist dafür ein abschreckendes Beispiel) oder andererseits Künstler wie Alexei Ratmansky mit größter Sorgfalt historisches Material rekonstruieren (seine Münchner „Paquita“ zeigte, wie das geht), so wählt John Neumeier einen dritten Weg. Sein Umgang mit der Geschichte ist dabei kein fauler Kompromiss, sondern höchst kreativ.