Beim genauen Lesen des „Zauberberg“-Romans von Thomas Mann stolpert man förmlich über die Silbe „Port-“. Da gibt es das von einem Portier bewachte Berghofportal, durch das der Protagonist Castorp und seine Mitpatienten zum täglichen Genusswandel das Sanatorium verlassen, dann sind da die Portieren, jene meist offenen Schiebetüren zwischen den Gesellschaftsräumen im Erdgeschoss des Gebäudes, und nicht zuletzt Castorps breites Repertoire an Genussmitteln, das vom Porter über den Portwein bis hin zu den Importzigaretten reicht. Weil Thomas Mann die sogenannte Leitmotivtechnik, also das subtile Streuen von Assoziationstriggern zu bestimmten Themengebieten, in sämtlichen Werken nutzte, stellt sich hier die Frage, was Porter und Portale auf dem Zauberberg verbindet.
„Port-“ Was heißt das eigentlich?
Um dem auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Bedeutung der Silbe „Port-“, die in vielen gebräuchlichen Wörtern wie dem Transport, Städtenamen wie Porto oder Harry Potters Portschlüsseln vorkommt. Ein Port bezeichnet einen Hafen, einen Ort der Verbindung also, eine Schnittstelle, wie sie auch vom Begriff des Portals benannt wird. Gerade das Portal kann neben räumlich-geographischen Toren auch eher immaterielle Verbindungsstellen bezeichnen, wie es bei einem Internetportal der Fall ist oder an den Portaltagen, an denen sich laut Mayakalender das Tor zwischen der weltlichen und der spirituellen Ebene öffnet. Sollen womöglich die physischen Portieren, Tore und Portale des Berghofsanatoriums den Blick auf Übertritte und Eintritte auf anderer Ebene lenken? Und welche Rolle spielen die Genussmittel hierbei?
Der erste „Eintritt“
Während Hans Castorp sich in der Eisenbahn durch die steile Berglandschaft bewegt, erfährt der Leser, dass der junge Mann eigentlich kurz vor „dem Eintritt in die Praxis bei Tunder und Wilms“ (ZB, S.10), einer Schiffswerft, Maschinenbaufabrik und Kesselschmiede, steht. Statt auf seinem normalen Lebensweg den Schritt vom Schülerdasein ins Arbeitsleben zu gehen, erfolgt dann aber ein ganz anderer Eintritt, nämlich jener durch das Berghofportal. Dass es sich hierbei tatsächlich um eine antagonistische Handlungsalternative zum Eintritt in die Arbeit handelt, wird durch den Posten des Eintrittsgeldes unterstrichen, welches Castorp am Ende seiner ersten Woche im Verwaltungsbüro des Sanatoriums bezahlen muss. Statt in den Geldverdienst einzutreten, gibt er Geld für einen Eintritt aus, statt in der aufstrebenden Arbeitswelt zu landen, landet er in der von Krankheit und Tod geprägten, degenerierenden Welt des Lungensanatoriums. An dieser Stelle findet somit ein folgenschwerer Übertritt in eine andere Lebenswelt statt, in der, wie Castorp von seinem Vetter erklärt bekommt, völlig andere Regeln gelten. „Die springen hier um mit der menschlichen Zeit [...]. Drei Wochen sind wie ein Tag [...]. Man ändert hier seine Begriffe“ (ZB. S. 14), vermittelt Vetter Joachim dem zuerst irritierten Ankömmling, der Jahre später selbst mit identischen Worten einen weiteren neuen Gast begrüßt. Damit zeigt er, dass er bereits vollends in diese Sphäre der veränderten Begriffe integriert ist.
Und nicht nur die veränderten Zeitdimensionen nimmt Castorp an, er beginnt auch mit Patientenbesuchen das Leben im Sanatorium mitzugestalten und die Routine aus Essen, Fiebermessen und Liegekur, die sogenannte „horizontale Lebensweise“, geht ihm förmlich in Fleisch und Blut über. Es stellt sich also heraus, dass der physische Eintritt durch das Berghofportal einen immateriellen Eintritt, beinah eine Initiation in eine andere Welt, markiert. Und auch anhand der Türen und Portieren im Sanatorium selbst wird eine weitreichende Verbindung inszeniert: Die Bekanntschaft von Hans Castorp und Madame Chauchat, der markant aussehenden Russin, die die Aufmerksamkeit des jungen Mannes sofort auf sich zieht.